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Fotos: Anna-Maria Weber (r.), Potsdam Museum/Elke Hübener-Lipkau
08. September 2022

„Echt authentisch?“

Ein neuer Hörspazier­gang erkundet Potsdams Innenstadt

Stadtschloss, Rechenzentrum, Glockenspiel – in Potsdam wurde und wird nicht selten hitzig über Gebäude und bauliche Vorhaben debattiert. Während die einen diese Bauwerke für wichtig und bedeutsam für die Stadt halten, stören sich andere an ihrer Geschichte und symbolischen Bedeutung.

Ein über die Stadt hinaus bekanntes Beispiel ist der Konflikt um die Rekonstruktion der Garnisonkirche. In den Auseinandersetzungen geht es dabei weniger um die Kirche als ein Gotteshaus, sondern um die Bedeutung, die dem Wiederaufbau und der Geschichte der Kirche zugeschrieben werden. Die einen verweisen auf den architekturhistorischen Wert des Gebäudes. Sie erhoffen sich eine „Reparatur“ des im 20. Jahrhundert zerstörten Stadtbildes durch die rekonstruierte Kirche mit ihrem einst das Zentrum prägenden hohen Turm. Andere aber stören sich an dem symbolischen Wert der früheren preußischen Militärkirche, denn sie war Ort des sogenannten Tages von Potsdam am 21. März 1933. Deshalb besteht die Sorge, dass eine Wiedererrichtung unserer demokratisch verfassten Gesellschaft zuwiderlaufe und einen Wallfahrtsort für rechte Gruppen entstehen lassen könnte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) haben sich intensiv mit solchen städtischen Debatten beschäftigt. Mit einem neuen Audio­guide führen sie Interessierte durch die Potsdamer Innenstadt. Sie interessierten sich dabei vor allem für die Argumente, die für oder gegen den Abriss, Erhalt oder Wiederaufbau bestimmter Orte angeführt wurden, denn diese verraten viel über die Vorstellungen, die Menschen von ihrer Stadt haben. Wer erachtet welche Bauten – und damit welche historische Epoche – als besonders charakteristisch für Potsdam? Was erhoffen sich jene, die einen Wiederaufbau befürworten? Und was befürchten jene, die sich dagegen aussprechen? Wer sich mit diesen vergangenen Kontroversen auseinandersetzt, erfährt, warum Potsdam heute so aussieht, wie es aussieht. Nicht selten ging es um Authentizität.

Aber was ist das eigentlich? Der neue Audioguide des ZZF erkundet, wer etwas authentisch nennt und was er oder sie damit bezweckt. Denn einem „authentischen“ Bauwerk messen wir eine besondere Bedeutung bei. Es gilt dann als sehenswert, wird unter Denkmalschutz gestellt, auf Postkarten und in Reiseführern abgebildet, von Reisegruppen besucht und für Instagram fotografiert. Wie erhält ein Ort ein solches Label? Als authentisch wird zum Beispiel ein his­torisches Gebäude bezeichnet, wenn es als typisch gilt für eine Epoche, einen Architekturstil oder eine bestimmte Art des Handwerks. Doch was ist typisch für Potsdam? Die barocke Architektur? Die sogenannte Ostmoderne? Auf diese Frage wurden und werden immer wieder andere Antworten gegeben. Nicht nur das Stadtmarketing nutzt „Authentizität“ als verlockende Zuschreibung. Auch die Politik führt Authentizität als Argument ins Feld, um bestimmte Vorhaben zu begründen.

Ein oft eingesetztes Authentizitätssiegel ist der sogenannte historische Grundriss der barocken Stadt. Der als authentisch verbriefte Plan, der sich meist auf das unzerstörte Vorkriegspotsdam bezieht, scheint über eine unwiderstehliche, schier magische Überzeugungskraft zu verfügen. In seinem Namen wurden seit den 1990er Jahren etliche Gebäude abgerissen, Straßen verlegt und Neubauten errichtet. Offenbar übt die Vergangenheit Potsdams eine solche Faszination aus, dass sich die Gegenwart wie selbstverständlich an ihr orientiert. Warum das so ist, erkundet der neue Audioguide.

Das ZZF hat für den einstündigen Hörspaziergang 15 Orte in Potsdams Zentrum ausgewählt, die auf ganz verschiedene Art als authentisch gelten oder gelten könnten. Denn wenn hier in Potsdam über Stadtplanung gestritten wird, geht es fast immer um die Stadtmitte. Ein Grund dafür ist, dass sich an einem Stadtzentrum durchaus ablesen lässt, wer politisch und gesellschaftlich das Sagen hat. Denn bei großen, prestigeträchtigen Bauprojekten geht es auch um symbolische Macht – und um unterschiedliche Vorstellungen vom vermeintlich wahren Charakter Potsdams.

Autorin: Dr. Anja Tack forscht am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam – ZZF. Die Beiträge in der Rubrik „Wissenschaft“ entstehen in Kooperation mit proWissen Potsdam e.V.

Der Audioguide kann auf guidemate.com kos­tenlos heruntergeladen und angehört werden.

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