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Illustration: Luisa Hartkopf
05. Mai 2021

Semper Augustus – die immer Erhabene

Der Name Augustus ist vielleicht als der des römischen Kaisers (63 vor bis 14 nach Christus) aus der Bibel oder wegen der Affäre mit einer der schönsten Frauen der Antike, Kleopatra, bekannt. Sein Mausoleum ist heute noch in Rom auf dem Marsfeld zu besichtigen.

Semper Augustus spielte jedoch zu einer ganz anderen Zeit eine nicht unbedeutende Rolle in der Wirtschaft der Niederlande. Es handelt sich um den Namen der teuersten Tulpensorte aller Zeiten, eine Zwiebel dieser Sorte kostete im Jahre 1637 so viel wie ein Haus an einer Gracht in Amsterdam. Es war eine Tulpe mit blauem Blütenboden und weißen Blütenblättern, auf denen rote Flammen zu spielen schienen. Nur wenige der Zeitgenossen dieser Tulpe werden diese je gesehen haben, es gab davon nur rund ein Dutzend Zwiebeln. Dieser „Tulpenwahn“ oder die „Tulpenmanie“ ist die erste dokumentierte Spekulationskrise der menschlichen Geschichte. Nach dem 3. Februar 1637 kam es zum Platzen der Spekulationsblase. Auf einer Tulpenversteigerung im holländischen Alkmaar wurden an diesem Tage letztmalig astronomische Preise erzielt, bei der nächsten Auktion zwei Tage später in Haarlem war niemand mehr bereit oder in der Lage, die aufgerufenen Preise zu bezahlen. Der Preisverfall begann.

Tulpen stammen ursprünglich aus einer ganz anderen Gegend der Welt als der, mit der wir sie heute assoziieren. Tulpen kommen nicht ursprünglich aus Amsterdam, wie zum Beispiel Roy Black und die Fischer-Chöre verkündeten, sondern aus dem trockenen und extrem heißen Mittelasien. Mit ihrem ganzen Wuchs, mit der in der Erde befindlichen verdickten Sprossachse, Tulpenzwiebel benannt, von der Teile sich nur wenige Wochen aus der Erde hervorwagen, wachsen, blühen und Früchte bilden, trotzen sie den lebensfeindlichen Bedingungen in ihrer Heimat. Es dauert allerdings sieben bis zehn Jahre, bis aus einem Samenkorn eine blühfähige Zwiebel wird. Tulpen haben neben den Samen noch eine zweite Strategie der Vermehrung entwickelt: In der Erde bilden sich an der Hauptzwiebel mehrere Brutzwiebeln, die nach drei bis vier Jahren Entwicklung ebenfalls Blüten treiben können. Die alte Zwiebel stirbt, es entsteht eine neue, die bereits im nächsten Jahr blühen kann. Diese Zwiebeln sind in ihrer Genetik identisch mit der alten, die Erbanlagen der Samen sind eine Kombination aus Vater- und Muttertulpe.

Die Zeichnungen auf der nächsten Seite stellen dar, wie das Leben der Tulpe im Laufe eines ganzen Jahres abläuft. Viel davon passiert im Verborgenen. Eine blühende Tulpe, die im nächsten Jahr wiederum ihre Farbenpracht zeigen soll, muss den gesamten Entwicklungskreis durchlaufenden. Der Gärtner, der wiederum Tulpenblüten haben möchte, muss auch welkes und absterbendes Laub aushalten. Ende Juni ist der traurige Anblick vorbei, man kann das Laub dann mit zwei Fingern aus der Erde ziehen. Die neue Tulpenzwiebel trennt sich leicht vom nicht mehr notwendigen Blattwerk und bereitet sich, wenn sie in Ruhe gelassen wird, unterirdisch auf das nächste Jahr vor.

Aus ihrer Heimat kamen die Tulpen über die Türkei als Samen und Zwiebeln um 1550 nach Mitteleuropa. Dass die Türken diese Pflanzen „Tulipan“ genannt haben und so der Name „Tulpe“ entstand, gehört wohl in das Reich der Legenden. Schon 20 Jahre später waren die ersten Tulpen in den botanischen Gärten der Niederlande vertreten. Das aufstrebende Bürgertum – die Niederlande waren zu dieser Zeit eines der weltweit wirtschaftlich stärksten Länder – und Gelehrte beschäftigten sich aus Liebhaberei mit der Tulpenzucht, ohne die uns heute bekannten genetischen Hintergründe zu kennen.

Dabei stellte sich der in den Niederlanden vorhandene ehemalige Meeresboden der Nordsee mit seinen extrem guten Bodenwerten als ideal für das Wachstum und die Vermehrung der Tulpen heraus. So entstanden in den ersten 30 Jahren der Tulpenzucht schon über 800 namentlich bekannte Sorten. Züchter waren fasziniert von den spontanen Farbänderungen und gemusterten Blüten, ohne zu wissen, dass diese oftmals von dem von Blattläusen übertragenen „Tulpenmosaikvirus“ verursacht wurden. Was ein Virus mit einem Lebewesen anrichten kann, bedarf derzeit wohl keinerlei Erklärung …

Tulpenfarben und -formen wurden immer extremer, die Preise für einzelne Zwiebeln explodierten und erreichten im Jahre 1637 die eingangs erwähnten Auswüchse. Ein Gemälde von Rembrandt van Rijn war damals für weniger Geld zu haben als eine einzige Tulpenzwiebel. Der Markt brach schlagartig zusammen. Diese wirtschaftliche Katastrophe tat jedoch der Beliebtheit der Tulpen keinen Abbruch. Sie wandelten sich vom Luxusgut der Reichen zu für viele erschwinglichen Zierpflanzen.

Viele der damals gehandelten und vermehrten Sorten sind heute nicht mehr existent, Züchter erkannten erst 1924 die Ursache der Farbveränderungen. Die heute angebotenen mehrfarbigen Tulpen sind virusfrei. Die älteste noch erhaltene Sorte, Lac van Rijn, stammt aus dem Jahr 1620. Ihre Blüte ist burgunderrot, mit einem breiten elfenbeinfarbenen Saum.

Im Berliner Raum tauchten die ersten Tulpen bereits um 1650 auf, es gab später einen wirtschaftlich bedeutenden Tulpenanbau. Dieser ist bezeugt für Rummelsburg, Weißensee und Rixdorf. Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden diese Kulturen, die Anbauflächen wichen der wachsenden Stadt. Die Senkung des Grundwasserstandes durch den Bau des Teltowkanals führte 1912 zum Ende des Blumenzwiebelanbaus auf der Fläche Berlins.

Vielfach unbekannt dürfte sein, dass in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts einige Agrarbetriebe im heutigen Kreis Potsdam-Mittelmark, so in Brück und in Bochow, unter anderem Tulpenzwiebeln für den holländischen Markt vermehrten. Auf den Verpackungen für den Endverbraucher stand natürlich nicht „Tulpen aus Bochow / GPG Zierpflanzenproduktion Neu-Bochow“, sondern „Tulpen aus Holland“. So gaben holländische Tulpen etwa 500 DDR-Bürgern ihr Auskommen.

Die größte Tageszeitung der DDR schrieb dazu am 22. Juli 1978 „Selbst in den Tulpenhochburgen Hollands ist heute bereits das Pflanzgut aus Neu-Bochow ein Qualitätsbegriff …“.

Neben der Blumenzwiebelproduktion für den Export standen für die Bürger der DDR dort auch fast zwei Millionen Tulpen als Schnittblumen im Gewächshaus. Ur-Potsdamer*innen werden sich vielleicht noch an den Stand der GPG Zierpflanzenproduktion in der alten Markthalle und deren Angebot zum Internationalen Frauentag erinnern.

Heutzutage ist eine Tulpenproduktion in unserer Region nicht vorhanden, 80 Prozent der weltweit produzierten Tulpen und Tulpenzwiebeln stammen aus den Niederlanden, wo inzwischen etwa 1.200 Tulpensorten kultiviert werden. Insofern ist am eingangs erwähnten Lied wohl wirklich etwas dran.

Nach 1990 wurden Veranstaltungen wie das Tulpenfest im Holländischen Viertel, mit dem ein Bezug zwischen Potsdam und den Niederlanden hergestellt werden soll, oder die Tulpenschau Tulipan im 1989 eröffneten Britzer Garten in Berlin zu Höhepunkten für Tul­penfreundinnen. Im Garten des Jan Bouman Hauses im Holländischen Viertel werden jedes Jahr im Herbst Tulpenzwiebeln, vor allem historische und ungewöhnliche Sorten, gesetzt, die man dann im Frühling dort bewundern kann.

Das Angebot an Schnitttulpen hat sich in den letzten 15 Jahren deutlich verfrüht. 2005 gab es kaum Tulpen vor Weihnachten zu kaufen, 2020 lagen die ersten Tulpen in der letzten Novemberwoche in den Auslagen des Blumenhandels. Bei den uns bekannten Tulpen, die in den letzten Monaten in großer Zahl in den Supermärkten als Mitnahmeblumen präsentiert wurden, handelt es sich nicht um eine Art Tulpe. Vielmehr wurden aus etwa 150 Arten, die die biologische Gattung der Tulpen bilden, im Laufe der Jahrhunderte Kreuzungen gezüchtet, die die gewünschten Eigenschaften bezüglich Farbe, Blütengröße, Blütezeit oder Blütenform hervorbringen.

In den heimischen Gärten ist es mit einer entsprechenden Arten- und Sortenwahl selbst auf kleiner Fläche problemlos möglich, eine fast drei Monate andauernde Tulpenblüte darzustellen. Wichtigste Bedingung ist, der Tulpenzwiebel der Heimat ähnliche Bedingungen zur Verfügung zu stellen – Feuchtigkeit im Frühjahr, Trockenheit in den restlichen Monaten. Tulpenzwiebeln mögen keine feuchten Füße. Sie brauchen für die Blüte, die bereits im Oktober des Vorjahres in der Zwiebel angelegt ist, eine Ruhezeit und einen Kältereiz.

Mit der Tulpenblüte los geht es bei günstiger Witterung schon Anfang März mit den ersten Wildtulpen. Die leuchtend gelben oder roten Blüten öffnen sich bei Sonne zu sechs Zentimeter großen Blütensternen. Die Pflanzen bleiben sehr niedrig. Die verschiedenen Arten der Wildtulpen blühen bis in den Mai. Sie mögen volle Sonne.
In diversen Bau- und Gartenmärkten der Region wird im Herbst eine große Zahl von Tulpenzwiebeln in den verschiedensten Gruppen angeboten. Es werden dort lilienblütige Tulpen, Rembrandt-Tulpen, Darwin-Hybrid-Tulpen, Triumph-Tulpen, … angeboten.

Heute gibt es etwa 4.200 verschiedene Sorten. Für den besseren Überblick wurde bereits 1917 ein Gruppensystem auf der Grundlage der Blütezeit, Abstammung und Blütenform entwickelt. Dieses umfasst heute 15 Gruppen. Auf den Etiketten ist die ungefähre Blütezeit zu erlesen. Dadurch lassen sich gut Blühabläufe planen. Einige der angebotenen Sorten sind seit Jahrzehnten erfolgreich im Handel und haben sich in fast jedem Gartenboden bewährt, so Marilyn, Appeldoorn, Golden Appeldoorn, Aladdin, Pink Impression oder White Triumphator. Weitere Erklärungen dazu würden diesen Beitrag sprengen.

Einen letzten Höhepunkt der Blühsaison bilden Ende Mai die extravaganten Papageitulpen, die mit ihren bis 12 Zentimeter großen, gefransten Blüten und bis zu 70 Zentimeter hohen Blütenstängeln ein echter Hingucker sind. Leider sind diese sehr anspruchsvoll und empfindlich, die erneute Blüte im nächsten Jahr gelingt nur sehr selten, die Pflanzen sind zu erschöpft, treiben über Jahre nur noch Blätter. Sie müssen, sofern eine regelmäßige Blüte gewünscht wird, jährlich durch Zukäufe ergänzt werden.

Für die heimische Insektenwelt ist bedeutsam, dass viele der züchterisch bearbeiteten Tulpen völlig wertlos für die frühen Insekten, wie Hummelköniginnen, Bienen und einzelne Wildbienen, sind. Die Blüten enthalten weder Pollen noch Nektar, Wildtulpen dagegen ziehen diese Insekten magisch an, sie bieten vor allem Pollen als Eiweißlieferant.

Sämtliche Tulpen sind für Mensch und Tier leicht giftig, der wirkende Stoff heißt zweckmäßigerweise „Tulipanin“.

Text: Carsten Hahn

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