Text: Carsten Hahn
Mitte Februar, als dieser Artikel verfasst wurde, herrschte strenger Frost und die einzigen Ameisen, die man in Potsdam überhaupt sehen konnte, gehörten zum Volk tropischer Blattschneiderameisen in der Biosphäre Potsdam.
Doch auch im tiefsten Winter findet rund um uns das Leben der Ameisen statt, sie ziehen sich in unseren Breiten tief in ihre Baue zurück, leben von den eingetragenen Vorräten und halten Winterruhe. Sonnige Vorfrühlingstage vorausgesetzt, können dann Mitte/Ende März an den Waldrändern die ersten sich sonnenden Vertreter der Roten Waldameise beobachtet werden. Ihre Aufgabe ist es, Wärme zu speichern und diese in das Innere der (Hügel-)Baue zu bringen.
Ameisen bewohnen die Welt seit circa 150 Millionen Jahren. In dieser Zeit entwickelten sie solch eine komplexe Lebensweise, die es ihnen ermöglichte, fast alle Lebensräume der Welt zu besiedeln. Zu dem Zeitpunkt, als sich der Urkontinent Pangaea aufteilte, erschien die erste Vorfahrin der „modernen“ Ameise auf der Bildfläche. Die ältesten zweifellos den Ameisen zuzuordnenden Fossilien stammen aus der mittleren Kreidezeit, sind also 110 Millionen Jahre alt. Sie sind damit Zeitgenossen der Dinosaurier! Bekannt sind Einschlüsse von Ameisen in Bernstein.
Die Frage, ob die mehr als 8 Milliarden Menschen mehr Gewicht auf die Waage bringen oder die geschätzt mindestens 20 Billiarden Ameisen, ist noch nicht eindeutig geklärt. Erwiesen ist jedoch: auf jeden lebenden Menschen kommen mehr als 2,5 Millionen der kleinen Krabbler. Etwa 110 Ameisenarten gibt es in Deutschland, circa 75 stehen auf der Roten Liste, 10 sind vom Aussterben bedroht. Der sich mit der Kategorisierung von Ameisenarten beschäftigende Online-Katalog (www.antcat.org) listet derzeit weltweit 14.417 sicher beschriebene verschiedene Arten auf, vermutlich sind es aber 25.000 bis 30.000!
Die sicherlich bekannteste Ameise in Deutschland ist die sogenannte „Rote Waldameise“. Jeder, der im Wald spazieren geht, hat sie gewiss schon gesehen. Es gibt alleine in Brandenburg acht unterschiedliche Arten der Roten Waldameisen. Sieben davon stehen unter Artenschutz. Überhaupt stehen viele Waldameisen seit über 200 Jahren unter Naturschutz – was ihre Bedeutung für unser Ökosystem bezeugt.
Ameisen haben sechs Beine und gehören damit zu den Insekten. Die Wissenschaft stellt die Ameisen sogar in eine nahe Verwandtschaft zu den Honigbienen, in die biologische Teilordnung der Stechimmen.

Ameisen sind, wie alle Insekten, wechselwarme Tiere. Wechselwarm bedeutet, dass die Körpertemperatur eines Lebewesens von der Umgebungstemperatur abhängt und nicht konstant selbst reguliert wird.
Sie halten, tief im Bau versteckt, Winterruhe. Oftmals werden in dieser kalten Jahreszeit die Nester von Fressfeinden wie Wildschweinen und Grünspechten zerwühlt. Da die Instandsetzerinnen in dieser Zeit meist mehr als einen halben Meter unter der Erde ausharren und wegen der Kälte in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt sind, sehen solche Nester erbärmlich aus.
Sobald die ersten sonnigen und leicht warmen Tage im März auftreten, geht das Leben im Nest wieder los. Spezielle Arbeiterinnen, die weniger kälteempfindlich sind, tragen andere Mitbewohnerinnen in wärmere Bereiche des Nestes. Schäden werden repariert, neue Nahrung eingetragen.
Kurze Zeit später beginnt der Brutbetrieb. Durch Temperaturreize bedingt, legt die Königin in der ersten Zeit sogenannte Wintereier, aus denen geflügelte Königinnen und männliche Ameisen entstehen. Bei schönem Wetter ist beobachtbar, wie diese Tiere zu ihrem Hochzeitsflug aufbrechen. Aus den Nestern steigen Massen an Tieren wie eine Wolke auf und suchen Plätze, an denen die Paarung erfolgt. Die Männchen sterben kurze Zeit später, die begatteten Weibchen verlieren ihre Flügel. Ihre Aufgabe besteht nun darin, entweder ein neues Volk zu gründen oder als Jungkönigin von einem anderen Volk aufgenommen zu werden. Dabei beträgt die Chance, erfolgreich zu sein, weniger als ein Promille. Die übrigen Tiere enden als Vogel- oder Insektennahrung. „Fliegende Ameisen“ stellen also keine eigene Art dar, es sind die schwärmenden Geschlechtstiere der um uns herum lebenden Ameisenvölker.
In den Nestern beginnt nun der normale Brutbetrieb, es entstehen immer neue Arbeiterinnen. Dabei wird jede Phase der Entwicklung vom Ei zum fertigen Insekt von hochspezialisierten Arbeiterinnen betreut. Die Larven werden gefüttert und regelmäßig abgeleckt, um den Befall mit Bakterien und Pilzsporen zu verhindern, und innerhalb des Nestes an die Orte transportiert, wo die in der jeweiligen Brutphase optimalen Temperaturen herrschen.
Übrigens: Das, was umgangssprachlich als „Ameiseneier“ bezeichnet wird, sind die aus den Larven entstandenen Puppen. In den Puppen entwickelt sich bis zum Schlüpfen das fertige Insekt.
Ab Oktober werden die Ameisen deutlich inaktiver, das Eierlegen vieler Arten wurde schon vor Wochen eingestellt. Das Nest wird ausgebaut und winterfest gemacht. Waldameisen überwintern ohne Brut, andere Arten auch mit Larven.
Waldameisen erleben nicht nur eine Überwinterung, sie können durchaus zwei bis drei Jahre alt werden. Die Königinnen gehören, mit einer Lebensdauer von 20 bis 25 Jahren, zu den langlebigsten Insekten.
Beim Menschen und anderen Säugetieren läuft die Bestimmung des Geschlechts über ein einzelnes Chromosomenpaar. Bei Ameisen funktioniert das völlig anders: Aus befruchteten Eiern entstehen Weibchen, aus unbefruchteten Männchen. Die Befruchtung der Eier kann die Königin ziemlich eigenständig steuern. So kommt es zu paradoxen Verwandtschaftsverhältnissen, männliche Ameisen haben zwar keinen Vater, aber einen Großvater, zwei weibliche Ameisen von der selben Mutter sind genetisch näher verwandt als mit ihrer Mutter. Dies gilt natürlich nur, wenn das Sperma vom gleichen Vater stammt. Da sich junge Ameisenköniginnen manchmal während des Hochzeitsfluges mit mehreren Partnern paaren, kann dies so sein, muss aber nicht in jedem Fall … Verrückt, aber irgendwie seit Jahrmillionen erfolgreich.
In einem Ameisenvolk leben meist nur eins oder wenige fruchtbare Weibchen gleichzeitig, es gibt aber auch in Mitteleuropa Völker mit Tausenden von Königinnen. Königinnen legen, je nach Art, eine völlig unterschiedliche Anzahl von Eiern pro Tag: Arten mit mehreren Königinnen pro Volk legen kaum mehr als 30 Eier pro Tag. Die Rote Waldameisenkönigin, die in ihrem Volk das einzige für Nachwuchs sorgende Tier ist, legt häufig die zehnfache Anzahl. Und das von März bis Ende August.
Alle Ameisen bilden Staaten. Eine einzelne Ameise ist alleine nicht lebensfähig, sie ist vollkommen abhängig vom Leben in ihrer Gemeinschaft. Dabei kommen ihr im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Aufgaben für das Volk zu. Innerhalb des Ameisenstaates gibt es mindestens drei Kasten: fruchtbare Weibchen (Königinnen), fruchtbare Männchen und Arbeiterinnen. Im Gegensatz zu anderen staatenbildenden Insekten wie Bienen haben die Arbeiterinnen grundsätzlich keine Flügel. Eine weitere Spezialisierung unter den Arbeiterinnen ist möglich, so kann es bei bestimmten Arten stark vergrößerte Soldatinnen geben.
Ameisenstaaten beeinflussen häufig ihre Umwelt nachhaltig. Sie wirken bei der Umschichtung oberer Erdschichten mit, unterstützen damit den Abbau pflanzlichen Materials. Sie verbreiten Pflanzensamen und regulieren als Räuber die Bestände anderer Tierarten, die gegebenenfalls als Schädlinge Bäume oder Sträucher befallen können. Sie betreiben Landwirtschaft, halten Nutztiere, bauen komplexe Behausungen und sind als Ameisenvolk ein eingespieltes Team.
Die Kommunikation der Ameisen untereinander erfolgt im Wesentlichen über Duftstoffe. Diese sind so komplex, dass jedes Volk seinen eigenen „Stallgeruch“ hat. Mögliche Wächter erkennen so schnell Fremdlinge, die in die Nester eindringen wollen.
Antennen am Kopf sind die wichtigsten Sinnesorgane: Tasten, Riechen und Schmecken funktionieren darüber, aber sie können damit auch Temperaturänderungen, Luftströmungen und den Kohlendioxidgehalt der Luft wahrnehmen. Außerdem dienen diese der taktilen Verständigung zwischen den Individuen.

Arbeitende Ameisen ernähren sich überwiegend von von süßen Säften – sie benötigen, da ihre Entwicklung abgeschlossen ist, keine „Baustoffe“ mehr, sondern „Betriebsstoffe“. Ein wesentlicher Lieferant dieser Nahrung sind Blattläuse und Wurzelläuse. Die Nutzung dieser ist für die Ameisen hocheffektiv. Sie brauchen zur Ernte des Honigtaus nicht mal das Nest zu verlassen. Sie tragen im Herbst die Eier der Blattläuse, die man auch scherzhaft als „Milchkühe der Ameisen“ bezeichnen kann, in ihre Nester, lassen sie dort überwintern und bringen sie zum Schlupf wieder in die freie Natur. Sie schützen ihre Läuse aktiv vor Fressfeinden und verteidigen ihre Herden intensiv gegen Marienkäfer, Marienkäferlarven und Florfliegen. Sie melken ihr Nutzvieh regelrecht, betasten die Hinterleibe der Läuse, stimulieren sie, und lecken den süßen Saft, der eigentlich Blattlauskot ist, auf.
Über ein Jahr gerechnet sind mehr als zwei Drittel der gesammelten Nahrung Honigtau, jedoch ändert sich die Zusammensetzung des Futters, welches die Arbeiterinnen im Laufe des Jahres in die Nester eintragen. In der Zeit der größten Brutpflege, also im Frühjahr und Frühsommer, steigt der Anteil tierischer Nahrung extrem an, denn es gibt viele Larven und sie sind hungrig. Andere Insekten und ihre Frühstadien, wie Larven, stehen dann auf der Speisekarte.
Darin liegt die hohe Bedeutung der Ameisen für die Forstwirtschaft, sorgen sie doch in der Zeit des Massenwachstums der Forstschädlinge für einen entsprechenden Gegendruck und verhindern als wirksame Vertilger von Schadinsekten deren Massenvermehrungen. Auch das Erjagen von Regenwürmern kann man gelegentlich beobachten. Denn eine Waldameisenarbeiterin kann circa das 40-fache ihres Eigengewichtes tragen.
So manche Kiefernwälder in Brandenburg sähen anders ohne die sie bewohnenden Ameisen aus. 2003 gab es in der Schorfheide einen Massenausbruch eines Kieferschädlings – der Nonne, eines Schmetterlings. Die Waldameisen haben rund um ihre Nester ganze Arbeit geleistet und die Schmetterlingsraupen als Futter eingetragen. Auf Luftbildaufnahmen waren beeindruckende grüne Inseln inmitten der durch Raupenfraß entnadelten Kiefern zu erkennen.
Ein völlig anderes Verfahren der Nahrungsgewinnung nutzen die tropischen Blattschneiderameisen. Sie leben eigentlich von Pilzen und ihren Fruchtkörpern und tragen in ihre Baue zerschnittene Blätter ein, von denen sich der artspezifische Pilz ernährt. Sehr anschaulich beschrieben und beobachtbar ist das in der Biosphäre Potsdam.
Ameisen sind auch eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Tiere. So lebt der bei uns heimische Grünspecht fast ausschließlich von Ameisen. Es ist immer wieder interessant, diesem auf einer trockenen Grasfläche bei der Nahrungssuche zuzuschauen oder zu beobachten, wie ein Elternpaar ein Jungtier bei der Nahrungssuche anleitet. Einige einheimische Schmetterlingsarten, zu den Bläulingen gehörend, benötigen für ihre Entwicklung zwingend Ameisen – als Nahrung oder sie lassen sich von ihnen aus verschiedenen Gründen füttern.
Leider hat das Leben der Ameisen für uns nicht nur positive Seiten. Ihre Liebe für zuckerhaltige Stoffe macht sie manchmal zu Vorratsschädlingen. Ein Stück Kuchen auf der Terrasse kann magisch anziehen und so hat man dann über Nacht eine Unmenge unliebsamer Bewohner. Sie dringen auf der Suche nach Futter durch kleinste Ritzen in Wohnungen ein und ist eine der Suchenden erst einmal erfolgreich, so funktioniert das Informationssystem der Ameisen schnell und es machen sich Hunderte auf den Weg zum lukrativen Futterplatz.
Durch die Trockenheit der letzten Jahre herrschten auch in Potsdam hervorragende Bedingungen für manche Ameisenarten. Spuren ihrer Bautätigkeit in Form von Sandhügeln an und auf Gehwegen fanden sich in den vergangenen Sommern in den verschiedensten Wohngebieten Potsdams. Teilweise wurden die Wege sogar gefährlich instabil.
Ameisen und Menschen geraten sich im Alltag jedoch nicht allzu häufig in die Quere, wenn man bedenkt, dass 2,5 Millionen von ihnen auf einen Menschen kommen. Und nicht zu vergessen: Ameisen sind unverzichtbar für das Gleichgewicht unseres Ökosystems.
In Brandenburg gibt es zum Schutz der Waldameisen die Ameisenschutzwarte. Sie hat das Ziel, den weiteren Rückgang der hügelbauenden Waldameisen aufzuhalten, die vorhandenen Waldameisenbestände zu schützen, zu fördern und ihre natürliche Verbreitung zu unterstützen. Wer sich dafür interessiert, findet Infos auf der Webseite www.asw-brandenburg.de.