Text: HEIKE BORCHARDT – Diplom-Sozialpädagogin, Koordinatorin und Leitung des Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Potsdam der Hoffbauer Stiftung. Der Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam ist Mitglied im HoPa.
Erfahrung mit der Begleitung von Sterbenden hat heute kaum noch jemand so direkt, wie das die Menschen früher in Großfamilien erlebten. Von dem verlorenen Wissen sollen die von dem Palliativmediziner Dr. Georg Bollig entwickelten „Letzte-Hilfe-Kurse“ etwas zurückgeben.
Seit drei Jahren bieten auch Heike Borchardt (Koordinatorin beim Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam) und Hilke Christoffel (Palliativkrankenschwester im Klinikum Ernst von Bergmann Potsdam und ehrenamtliche Sterbe- und Trauerbegleiterin) Letzte-Hilfe-Kurse in Potsdam an. Sie fanden bisher in den Räumen der Malteser in Babelsberg statt, wo auch regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse angeboten werden. Von Anfang an wurden diese Kurse sehr gut nachgefragt. So versammelten sich am 14. Mai 2025 wieder sechszehn Teilnehmer:innen erwartungsvoll in dem Seminarraum in Babelsberg.
Die vierzehn Frauen und zwei Männer saßen im Stuhlkreis um die Mitte, die mit viel Informationsmaterial, Blumen und einer brennenden Kerze gestaltet war. Draußen begann ein sonniger warmer Spätnachmittag, den man sicherlich auch anders hätte verbringen können, als sich vier Stunden mit dem Ende des Lebens zu beschäftigen.
Zu Beginn nehmen sich die beiden Kursleiterinnen immer die Zeit, nach der Motivation der Einzelnen, an so einem Kurs teilzunehmen, zu fragen. Sehr häufig sind die Teilnehmer:innen gerade selbst in eine familiäre Pflege eingebunden und bringen ihre je eigenen spezifischen Fragen mit. Oder sie haben in der zurückliegenden Zeit einen nahen Angehörigen begleitet und wollen jetzt ihre Erfahrungen vertiefen. Mit bemerkenswerter Offenheit erzählen viele von ihren Erfahrungen und Wahrnehmungen mit Sterben, Tod und Trauer.
Gemeinsam ist ihnen oft ein Bedauern, dass sie sich in unseren Gesundheits- und Sozialsystemen alleingelassen fühlen. Eine Aussage kommt immer wieder vor, nämlich die eigene Furcht und Hilflosigkeit mit dem Thema.
Das über Jahrhunderte erworbene Wissen, wie Sterben geht und sich anfühlt, ist in der heutigen Zeit verloren gegangen, da die Familien nicht mehr in einer Großfamilie zusammenleben. Deshalb ist es so wichtig, das eigentlich schon lange vorhandene Wissen wieder neu in die Gesellschaft zu tragen.
Der Kurs ist in vier Module aufgeteilt. Das erste Modul soll bewusst machen, dass Sterben ein Teil des Lebens ist. Wie wir mit Verlusten und Abschieden in unserem Leben umgehen, sind Kompetenzen, auf die wir zurückgreifen können. Wie erkennt man, dass ein Mensch sich dem Lebensende nähert? Es wird Wissen vermittelt, um den Sterbeprozess besser zu verstehen.
Im zweiten Modul geht es um Vorsorge und Entscheidungen. Hier wird erklärt, was eine Patientenverfügung ist und was bei einer Vorsorgevollmacht berücksichtigt werden muss. Die Kursteilnehmer:innen werden angeregt, darüber nachzudenken, was ihnen selbst in einer Sterbesituation wichtig wäre.
Im dritten Modul geht es darum, Leiden zu lindern. Die Teilnehmer:innen bekommen einen Überblick über das Hospiz- und Palliativnetzwerk in Potsdam.
In der Palliativmedizin geht es nicht mehr darum, das Leben zu verlängern. Es geht nicht mehr vorrangig darum, kurativ zu agieren, sondern es geht bei allen ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen um den Erhalt von Lebensqualität und darum, Leiden zu lindern.
Im Kurs werden die klassischen Medikamente der Palliativversorgung und auch alternative Möglichkeiten zur Linderung von Beschwerden vorgestellt, wie zum Beispiel die Aromatherapie. Der Kurs möchte für die Bedürfnisse (körperlich, sozial, psychisch und spirituell) der Sterbenden sensibilisieren. Dazu gehört auch, sich auf mögliche belastende Beschwerden und Sorgen am Lebensende einzustellen. Wie zum Beispiel der Umgang mit dem Wunsch zu sterben.
Der Wunsch zu sterben ist oft Ausdruck schweren Leidens – „Ich will SO nicht mehr leben“ – „Ich möchte sterben UND ich möchte leben“ (Ambivalenz).
Im vierten Modul – Abschied nehmen – werden die möglichen Reaktionen auf Verlust vorgestellt und Anregungen gegeben, trauernden Menschen zu begegnen.
Am Ende des Kurses werden die Teilnehmer:innen noch einmal gefragt, wie es ihnen denn jetzt ginge und was sie mitnähmen. Hier einige Aussagen von Menschen, die in den letzten drei Jahren an unseren Potsdamer Kursen teilgenommen haben:
„Sterbebegleitung ist auch so was wie Geburtshilfe.“
„Vielen Dank, der Kurs hat mir einen Zugang zu dem Thema eröffnet.“
„Die einfühlsame und lebensnahe Darstellung und die vielen Beispiele aus der Praxis haben mir besonders gefallen.“
„Ich habe Sicherheit gewonnen, wo ich mir Hilfe holen kann.“
„Ich habe eine Idee davon bekommen, mit meinen Angehörigen konkreter zu sprechen.“
„Die Bestärkung, dass wir es richtig machen.“
„Besonders hat mir der Satz gefallen: Es ist so vieles noch möglich.“
„Ich habe Sicherheit gewonnen im Umgang mit meiner eigenen Angst und Unsicherheit.“
Auch wir Kursleiterinnen gehen aus jedem Kurs mit der Bestärkung heraus, dass es notwendig ist, diese Kurse anzubieten und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Letzte Hilfe ist so wichtig wie erste Hilfe!
Einen Erste-Hilfe-Kurs haben wir alle schon einmal im Leben gemacht – immer in der Hoffnung, nicht in eine Unfallsituation zu geraten und handeln zu müssen.
Dem Thema Krankheit und Sterben werden wir zwangsläufig in unserem Leben begegnen. Ob alt oder jung, ein Nachbar, der plötzlich verstirbt, ein Kollege, der unheilbar krank ist, oder ein guter Freund, der Tod enger oder entfernter Familienmitglieder – wir alle sind sterblich. Umso wichtiger ist es, in solchen Situationen gut vorbereitet zu sein, um sich sicherer zu fühlen und weniger Angst zu haben.
Mehr Informationen zu Letzte-Hilfe-Kursen und Termine zu aktuellen Kursen unter:
www.letztehilfe.info
www.lago-brandenburg.de
Dieser Beitrag ist aus unserem Magazin „Abschied nehmen“ Heft 2 2025/26. Wer ein kostenloses Magazin für sich oder mehrere zur Auslage haben möchte, kann gerne direkt bei uns in der Redaktion vorbeikommen oder per E-Mail anfragen. Wir schicken auch gegen Porto (ab 1,80 €) Magazine zu. Das Magazin liegt in Potsdam zum Beispiel im Pflegestützpunkt und in den Bibliotheken aus. Unsere erste Ausgabe ist auch noch bei uns bestellbar.
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